Hamburg, April 2026
Faible für Pferde:
"Eine Idee leidenschaftlicher"
Die Werbebotschaft für seinen Kaffee stammt vom Firmenchef Albert Darboven persönlich: “Aus Freude am Leben.” Dieses Credo zieht sich wie ein roter Faden durch einen Werdegang mit Seltenheitswert. Es gilt ebenfalls privat. Zudem ist dieser Leitsatz die Überschrift für Darbovens Gestüt Idee, in Elbnähe im Westen Hamburgs idyllisch gelegen. Leidenschaft wird großgeschrieben – bis heute, im Geschäft wie in der Freizeit. Der Kaffeeröster mit Faible für Pferde begeht am 15. April dieses Jahres seinen 90. Geburtstag. Fragen an einen Menschen, der es versteht, Begeisterung auszuleben.
Herr Darboven, haben Sie mal eine Nacht im Stall verbracht?
Albert Darboven: Tatsächlich, als 13-Jähriger, nach Kriegsende. 1949 muss das gewesen sein, auf dem Hof Bockhorst des Ehepaars Darboven im Hamburger Westen. Dort waren Pferde von Flüchtlingen untergebracht. Eines hatte es mir besonders angetan: Lumpi. Er war mein Kumpel; es entstand eine echte Freundschaft. Völlig klar, dass ich mich zum Schlafen an seiner Seite ins Heu legte. Leider verboten es mir meine späteren Stiefeltern schließlich. Sie hielten es wohl für zu kalt. Dennoch verbrachte ich meine Freizeit am liebsten mit Lumpi. Meine Leidenschaft für Pferde allerdings ist noch älter.
Wann und wo fing es an?
Albert Darboven: 1943, unvergessen. Um den Bombenangriffen zu entkommen, wurde ich auf einem Hof in Laudenau einem Dorf bei Reichelsheim im Odenwald untergebracht. Kinderlandverschickung hieß diese Praxis damals. Außer den Bauern gab es dort zwei Kinder und zwei Pferde. Im Alter von sieben Jahren bin ich kilometerweit geritten. Es war ein beglückendes Erlebnis. Trotz der schrecklichen Zeiten des Zweiten Weltkriegs hatte mich die Leidenschaft gepackt – bis zum heutigen Tag. Jede Fohlengeburt im Gestüt ist ein Feiertag für mich.
Stimmt es, dass Sie Ihren 90. Geburtstag am 15. April 2026 teilweise auf dem Gestüt Idee verbringen wollen?
Albert Darboven: Das gehört dazu. Wenn es irgendwie geht, bin ich jeden Tag dort. Meist kurz nach sieben Uhr in der Früh, vor der Fahrt in die Firma auf der anderen Seite der Hansestadt. In der Regel gucke ich nach Feierabend erneut vorbei. Schließlich ist das Gestüt nicht nur Heimat der Vollblüter und des Trabers Aladin, sondern auch Kreativschmiede für meine Kunstprojekte. Dabei lasse ich meine Fantasie blühen. Da ich mich nicht wie fast Neunzig fühle, sondern erheblich jünger, genieße ich diese Freiheit aus vollen Zügen. Am 15. April wollen wir uns im Gestüt mit dem kleinen Team bei Kaffee und Kuchen zusammensetzen.
Auch beim Reiten legten Sie früher lustvoll los. Bis vor ein paar Jahren saßen Sie selbst im Sattel, mit 75 Jahren sogar noch beim Polo. Reizte es Sie, das Glück herauszufordern?
Albert Darboven: Ich habe ein gutes Verhältnis zum Risiko, aber bitte in Maßen. Ich bin kein Hasardeur. Unter dem Strich stand mir Fortuna oft zur Seite. Sogenannte Veilchen, blaue Flecken und Prellungen gehörten bei Stürzen dazu. Sonst darf man nicht Polo spielen, sondern lieber Mau-Mau. Üble Knochenbrüche blieben mir erspart. Gott sei Dank. Was übrigens auch meine Trabrennen im Sulky, beim Jagdreiten über hohe Hindernisse auf dem Lande in Schleswig-Holstein, Dutzende Schleppjagden oder Kutschfahrten beim Deutschen Fahrderby betrafen. Letzteres ereignete sich Anfang der 1960er-Jahre. Immerhin belegte ich gemeinsam mit Horst-Herbert Alsen mit dem Vierergespann Rang 21 – unter 22 Teilnehmern. Spaß hatten wir trotzdem jede Menge.
Vielfältiger Förderer
Darboven wird gemeinhin als Hamburgs Kaffeekönig bezeichnet.
Er ist Unternehmer, Geschäftsführer und Inhaber des Kaffeehandelshauses J.J. Darboven in vierter Generation, zu dem auch die Marken Mövenpick, Eilles und Alberto gehören. Der Name "J.J. Darboven" begegnet einem häufig, auch jenseits des Kaffeegeschäfts.
Albert Darboven unterstützt seit vielen Jahren das Hamburger Galoppderby als Finanzier und bis 2020 als Vize-Präsident des Hamburger Rennclubs. Auch auf dem Hamburger Spring- und Dressur-Derby gehört der Darboven-Schriftzug zur gewohnten Aufmachung. Mit der "Darboven Vereins-Initiative" möchte der Kaffeeröster ländliche Reitturniere, Vereine und Ehrenämter fördern, indem er jährlich 100 Vereine bei der Ausrichtung ihres Turniers unterstützt mit einer Komplettausstattung des Kaffeebereichs mit Kaffeemaschinen, Kaffee und allem, was dazu gehört, einem Werbe-Kit sowie Ehrenpreisen.
Warum ist die Passion für Pferde so stark ausgeprägt? Sie hätten ebenso gut Segeln, Hochseeangeln oder Bridge als Hobby Nummer eins auswählen können.
Albert Darboven: Als Internatsschüler in Louisenlund haben wir Segeln gelernt. Der Besanmast ist mir zwar nie gegen den Kopf geknallt, aber großes Interesse daran hatte ich nie. Viel lieber habe ich Angeln gelernt und das begeisterte mich bis ins hohe Alter, vor allem in der Karibik. Pferde sind für mich eine andere, großartige Welt. Nach wie vor genieße ich die Freude am Leben. Kaffee und Pferde gehören dazu.
Was macht aus Ihrer Sicht den Charakter von Pferden aus?
Albert Darboven: Es kann sich ein wunderbares Gefühl zwischen Mensch und Tier entwickeln: Wenn du Gefühle aussendest, und wenn solche Empfindungen zurückkommen. Es ist ein natürlicher Widerhall, eine Melange aus gegenseitigem Respekt und wahrhaftiger Freundschaft. Täuschen und Tricks sind Fehlanzeige.
Sind Pferde ehrlicher als Menschen?
Albert Darboven: Ich glaube schon. Ein Pferd kann nicht heucheln. Pferde wertzuschätzen und praktisch auf Augenhöhe zu begegnen, ist viel mehr als im Sattel zu sitzen und siegen zu wollen.
Als kleiner Junge, in Hamburg sagt man Buttje dazu, sollen Sie über den Zaun geklettert sein, um das Deutsche Springderby zu sehen. Wahre Begebenheit oder Legende?
Albert Darboven: Für meine Freunde und mich war das so normal, dass wir gar nicht darüber nachgedacht haben. Schließlich lag der Parcours in Klein Flottbek um die Ecke. Wir haben uns angeschlichen. War das Tor offen, mogelten wir uns hindurch. Andernfalls führte unser Weg über den Zaun. Mit Räuberleiter, falls das noch jemand kennt: Fuß auf die zusammengelegten Hände des anderen, dann mit Schwung hoch. Ging prima. Meinen Adoptiveltern habe ich davon lieber nichts erzählt. Beim Galoppderby in Hamburg-Horn war die Sache schwieriger. Weil der Weg viel weiter und die Kontrollen schärfer waren. Da war ich erst in den 1950er-Jahren als Zuschauer am Start. Unser Held: Hein Bollow.
Als am 5. Juli 1992 der von Ihnen in Hamburg gezogene Vollblüter Pik König das Blaue Band des Derbysiegers gewann, führten Sie Ihren Hengst aus dem Gestüt Idee äußerlich gelassen über das Geläuf vor der Haupttribüne. War diese Ruhe Show?
Albert Darboven: Ehrlich gesagt ja. In meinem Inneren wallte ein Vulkan. Ich war überglücklich – und aufgeregt. Klar hat mein Herz gepocht. Aber ich geniere mich, mit sizilianischem Temperament über das Gras zu hüpfen. Auch im übertragenen Sinne. Ich mag es lieber eine Idee zurückhaltender, eben hanseatischer.
Andere haben ausgerechnet, dass Sie bei rund 100 Derbys vor Ort waren – beim Galopp und beim Springen. Wie sieht es in diesem Jahr aus, kurz nach Ihrem 90. Geburtstag?
Albert Darboven: Wenn in einem der Galopprennen beim Turfmeeting im Sommer ein Pferd von mir in die Startbox rückt, bin ich selbstverständlich dabei. Und dass ich als Derbysponsor bei der Siegerehrung in Horn meinen Mann stehe, ist Ehrensache.
Wie haben Sie den Start Ihrer Stute Mi Emma im Juni 2007 im Coronation Cup in Royal Ascot in Erinnerung?
Albert Darboven: Bis kurz vor dem Ziel sah sie in England wie die Siegerin aus. Platz zwei war aber auch grandios. Es war ein Ereignis, das du nie im Leben vergisst.
Immerhin gab es 53.800 Pfund Preisgeld. Und Sie saßen als Besitzer in der königlichen Loge. Wo hatten Sie Frack und Zylinder organisiert?
Albert Darboven: Aus meinem Kleiderschrank. Dort hängt beides heute noch. Es gab damals erheblich mehr Hochzeiten und Bälle, bei denen ein Smoking nicht ausreichte.
Haben Sie Frack und Zylinder jemals wieder getragen?
Albert Darboven: Ja, bei unserem 150. Firmenjubiläum vor zehn Jahren. Wir feierten gemeinsam mit den Mitarbeitern und ihren Familien in einem großen Zelt. Ich verkörperte die Rolle des 1841 geborenen Gründers Johann Joachim Darboven – mit angeklebtem Vollbart und kompletter Pfeffersackmontur. Die Ansprachen wurden an einem Schreibpult aus der Gründerzeit gehalten.
Zurück zu den Pferden: Haben Sie je gewettet? Sie kokettieren hin und wieder selbst damit, einen „Igel in der Tasche“ zu haben.
Albert Darboven: Nicht ganz falsch. Manchmal ja, manchmal überhaupt nicht. In Ascot war es nur ein Mini-Igel. Ein paar Pfund habe ich bei einem Buchmacher auf der Bahn gesetzt. Auf Sieg. Das Geld war also weg.
Hand aufs Herz: Haben Sie mal kräftig gezockt?
Albert Darboven: Ich bin alles andere als ein Spieler. In keiner Beziehung. Vor langer Zeit gewann ich im Casino Travemünde 3.000 Mark. Ich habe den Betrag froher Dinge mit nach Hause genommen. Das war’s dann aber auch. Lotto reizt mich mehr. Woche für Woche setze ich gut zehn Euro auf immer die gleichen Zahlen, die in meiner Brieftasche auf einem Notizzettel stehen. Seit Jahrzehnten. Das Resultat der Ziehung verfolge ich vor dem Fernseher oder hole es mir am Telefon. Zu mehr als vier Richtigen hat es bisher nicht gereicht. Ich gebe aber nicht auf.
Dann Hals und Bein, wie man sich auf der Rennbahn Glück wünscht. Ihre Vollblüter heißen Koffi Angel, Prima Violetta oder Rosinante. Denken Sie sich die Namen aus?
Albert Darboven: Ja, den Regeln gemäß. Demnach muss ein Fohlen den gleichen Anfangsbuchstaben wie die Mutter tragen. Ansonsten herrscht Spielraum. Wenn ich den frisch geborenen Vierbeiner zum ersten Mal sehe, lasse ich meine Intuition walten. Wenn alles gutgeht, kommen auf dem Gestüt Idee Jahr für Jahr sieben Fohlen zur Welt.
Sie verließen den Vorstand des Hamburger Renn-Clubs nach Jahrzehnten im Brass. Trotzdem blieben Sie Sponsor. Bis heute. Passt das zusammen?
Albert Darboven: Wenn ich mein Wort gebe, halte ich es. Außerdem soll das Deutsche Galoppderby in Hamburg bleiben. Dort ist es zu Hause. Hinter den Kulissen arbeiten Rivalen emsig daran, dass es in einer anderen Stadt gestartet wird. Ich rede zwar grundsätzlich nicht über Geld. Dennoch ist öffentlich bekannt, dass ich dem Verein für die Existenzsicherung ein siebenstelliges Darlehen gab. Mein Engagement als Hauptsponsor gilt jeweils für ein Jahr.
Zurück zum Gestüt Idee. Dort sind nicht nur Pferde zu Hause, sondern auch Kunst und Religion. Was hat das zu bedeuten?
Albert Darboven: Gutes. Die Kunst hat Tradition in unserer Familie. Seit Anfang der 1990er-Jahre habe ich sehr unterschiedliche Projekte entwickelt – ein Stück nach dem anderen. Aktuell sind wir dabei, aus einem gewaltigen Baumstamm Adam und Eva zu schaffen. Auch das begeistert mich.
Auf der Koppel mit rund 60 Skulpturen neben der Gestütseinfahrt überrascht beispielsweise ein Brandenburger Tor aus 11.067 Hufeisen.
Albert Darboven: Es wurde von Hufschmieden hergestellt. Ebenso wie der Hamburger Michel aus etwa 2500 Hufeisen. Andere Kunstobjekte haben einen Bezug zur Entstehung der Erde und zur Religion. So wird eine Verbindung geschaffen zum multireligiösen Friedensgebet, das mittlerweile zu den liebgewonnenen und sinnstiftenden Traditionen auf dem Gestüt zählt. Vertreter mehrerer Glaubensrichtungen ergreifen das Wort. Meinem Denken entsprechend: miteinander reden und sich verstehen – auch wenn man anderer Meinung sein sollte.
Schutzengel standen Ihnen nicht nur bei diversen Stürzen beim Polospiel zur Seite. Besitzen Sie einen Glücksbringer, eine Art Talisman?
Albert Darboven: Nein, mit Ausnahme der erwähnten Lotto-Glückszahlen. Allerdings trage ich seit Jahrzehnten eine Kette um meinen Hals, also in jeder Beziehung am Herzen. Es ist mein kleines Geheimnis, das ich bisher nur sehr wenigen Menschen gezeigt habe.
Das macht neugierig...
Albert Darboven: An der Kette hängen Kleinode, die mir persönlich von großer ideeller Bedeutung sind: mein Ehering, eine winzige Kaffeekanne, ein kleiner Rubin, ein Smaragd.
Letztlich hatten Sie bisher viel Fortune. Wie Ihr anstehender 90. Geburtstag in solidem Zustand beweist.
Albert Darboven: Ich habe wirklich allen Grund zur Zufriedenheit. Aus Freude am Leben, das passt in der Tat. Ich habe weiterhin große Lust, viele Kaffeebohnen zu rösten und im Gestüt Idee herausragende Pferde zu züchten. Jedes Fohlen beschert neue Hoffnung.